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Gebundene Beläge

Auf die Fugen kommt es an

Bei Bau und Planung gebundener Flächen wird oft die Bewegung der Materialien bei Hitze und Kälte unterschätzt, was schnell zu Schäden durch Schrumpfung oder Ausdehnung. Der Sachverständige Jörn Dahnke erklärt, worauf Sie bei der Planung solcher Flächen achten sollten.

von Jörn Dahnke, Bonn erschienen am 03.03.2026
Bewegungsfugen © Jörg Dahnke, Bonn
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Großformatige Platten, ruhige Fugenbilder und möglichst wenig sichtbare Bewegungsfugen: So sehen viele Entwürfe für Wege, Plätze oder Terrassen heute aus. Belagsflächen sollen repräsentativ wirken, technisch anspruchsvoll sein und sich gleichzeitig zurückhaltend in die Architektur einfügen. Auf der Baustelle zeigt sich jedoch häufig andere Bilder. Risse in Platten, aufgeplatzte Fugen, Schollenbildung oder Versätze an Entwässerungsrinnen und Fassadensockeln sind in der Praxis keine Seltenheit. Hinter diesen Schäden steckt fast nie „Pech“, sondern ein klar beschreibbares Zusammenspiel von thermisch bedingten Längenänderungen, steifen, gebundenen Schichten und fehlenden oder unzureichend geplanten Bewegungsfugen. Wer Bewegungsfugen nur als optisch störende Zwangslösung versteht, blendet die Materialrealität aus – und riskiert kostspielige Sanierungen.

Wie sich Plattenflächen verformen

Belagselemente dehnen sich bei Erwärmung aus und ziehen sich bei Abkühlung wieder zusammen. Entscheidend sind der Längenänderungskoeffizient des Materials, die auftretenden Oberflächentemperaturen sowie die Einbautemperatur zum Zeitpunkt der Herstellung. Für Natursteinplatten lässt sich überschlägig mit einer Längenänderung von etwa 1,0 mm/m bei einer Temperaturdifferenz von 100 K rechnen. Dunkle, stark sonnenexponierte Beläge können im Sommer Oberflächentemperaturen von 60 bis 70 °C erreichen, während im Winter im Außenbereich durchaus -10 bis -15 °C borkommen. Für das Material bedeutet das Temperaturdifferenzen von 60 bis 80 K zwischen tiefstem Winter und höchster Sommerlast. Je nach Einbautemperatur verschiebt sich der kritische Zustand: Wird der Belag im Frühjahr bei etwa 10 °C eingebaut, dominieren im Sommer Dehnbewegungen; erfolgt der Einbau im Hochsommer, treten im Winter ausgeprägte Stauchbewegungen auf. Diese Verformungen wollen irgendwo hin. Sind Belag, Bettung und Tragschicht vollständig gebunden und durch Einfassungen, Aufkantungen und Bauteilanschlüsse eingeschlossen, entstehen Zwängspannungen. Ohne ein funktionierendes Bewegungsfugenkonzept entladen sie sich in Form von Rissen in Platten und Fugen oder durch Ablösungen im System.

Bewegungsfugen haben große Wirkung

Bewegungsfugen werden in der Praxis häufig überschätzt – und gleichzeitig unterschätzt. Überschätzt, weil sie vermeintlich „alles aufnehmen“ sollen. Unterschätzt, weil ihr tatsächliches Bewegungsvermögen im Detail kaum bekannt ist. Elastische Fugendichtstoffe verfügen – je nach chemischer Basis und System – typischerweise über ein Gesamtbewegungsvermögen von etwa 20 bis 25 % bezogen auf die Nennfugenbreite. Aus einer 10 mm breiten Bewegungsfuge werden damit rechnerisch nur rund 2 bis 2,5 mm zulässige Verformung. Bei 5 mm Fugenbreite halbiert sich dieser Wert. Ähnlich relevant ist der E-Modul gebundener Fugenmörtel. Zementgebundene Produkte erreichen E-Module im Bereich von grob 14.000 bis über 20.000 N/mm²; polymermodifizierte oder kunstharzgebundene Fugenmörtel weisen – je nach Rezeptur – deutlich geringere Steifigkeiten auf. Ein „weicherer“ Mörtel kann Spannungen besser verteilen, ersetzt aber keine Bewegungsfuge. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Fugenbreite, Bewegungsvermögen und Geometrie der Felder.

Was die Regelwerke tatsächlich vorgeben

Die aktuelle ATV DIN 18318 „Pflasterdecken, Plattenbeläge und Einfassungen“ und die ZTV - Wegebau bilden den normativen Rahmen für Planung und Ausführung. In der gebundenen Bauweise werden für Pflasterdecken und Plattenbeläge im Regelfall Fugenbreiten von 10 mm ± 5 mm verlangt; bei spaltrauem Kleinpflaster aus Naturstein sowie bei Platten mit Längen = 600 mm sind 15 mm ± 5 mm vorgesehen. Diese Vorgaben sind bewusst als Bandbreiten formuliert. Sie berücksichtigen die Maßtoleranzen der Belagselemente und sollen eine sachgerechte Verfüllung mit Fugenmörtel ermöglichen. In der ZTV-Wegebau 2022 wird unter anderem klargestellt, dass Plattenbeläge grundsätzlich Bewegungsfugen benötigen und dass Rissbildungen auch bei sorgfältiger Planung nie vollständig ausgeschlossen werden können. Die Regelwerke geben damit keine „Patentlösung“, sondern einen Rahmen vor. Innerhalb dieses Rahmens ist eine objektspezifische Planung der Fugenführung jedoch nicht nur gewünscht, sondern vielmehr zwingend erforderlich – abhängig von Material, Nutzung, Exposition, Format, Untergrund und Geometrie der Fläche.

Bewegungsfugen
Beispiel aus der Praxis: Granitplatten am Pooldeck Wie sich diese Einflussgrößen konkret auswirken, zeigt ein typisches Beispiel. © Jörg Dahnke, Bonn

Wie sich diese Einflussgrößen konkret auswirken, zeigt ein typisches Beispiel: Der Belag besteht aus dunklen Granitplatten im Format 60 × 60 cm in gebundener Bauweise. Die Fugenbreite der Bewegungsfuge beträgt 10 mm, als Fugendichtstoff ist ein Produkt mit einem Bewegungsvermögen von 25 % vorgesehen. Für den Naturstein wird eine thermische Längenänderung von rund 1 mm/m bei ?T = 100 K angesetzt.

Wird der Belag bei etwa 25 °C eingebaut und im Winter auf -15 °C abgekühlt, ergibt sich eine Temperaturdifferenz von 40 K, also eine rechnerische Längenänderung von ca. 0,4 mm/m. Bei 10 mm Fugenbreite stehen rund 2,5 mm Verformungsreserve zur Verfügung – überschlägig ausreichend für Feldlängen im Bereich von etwa 6 m.

Anders sieht es aus, wenn der Belag bei kühlen Temperaturen eingebaut und im Sommer stark aufgeheizt wird. Wird beispielsweise bei 5 °C eingebaut und die dunkle Belagsoberfläche erreicht temporär 70 °C, ergibt sich ?T = 65 K, also ca. 0,65 mm/m Längenänderung. Die gleiche Bewegungsfuge mit unverändert 2,5 mm Reserve reicht dann nur noch für Feldlängen um 4 m.

Werden – aus gestalterischen Gründen – die Bewegungsfugen mit 5 mm (dies ist häufige Praxis) ausgebildet, halbieren sich die zulässigen Feldlängen. Das Beispiel verdeutlicht: Nicht nur Material und Plattenformat, sondern auch Einbautemperatur und Exposition sind für die Bemessung von Bewegungsfugen entscheidende Größen.

Das sind typische Schwachstellen

Auf vielen Schadensbildern wiederholen sich bestimmte Problemzonen. Risse konzentrieren sich häufig entlang von Einbauteilen wie Entwässerungsrinnen, in Bereichen mit Neigungswechseln oder an Anschlüssen an aufgehende Bauteile. Ebenso kritisch sind Übergänge zwischen Bereichen mit unterschiedlichem Untergrund oder variierender Steifigkeit des Oberbaus.

In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass Bewegungsfugen nicht durchgängig in allen gebundenen Schichten durchgeführt werden. Die Fuge ist zwar in der Oberfläche sichtbar, endet aber vor der Bettung. Aus Sicht der Baukonstruktion bleibt der Oberbau damit zwängungsanfällig.

Hinzu kommen planerische oder ausführungsbedingte Kompromisse: Bewegungsfugen werden an geometrisch „unbequemen“ Stellen eingespart, um Plattenzuschnitt zu vermeiden; Fugenabstände werden ausschließlich gestalterisch entlang von Rastermaßen definiert, ohne die bauphysikalische Wirkung zu betrachten. Schäden lassen sich nur vermeiden, wenn bereits in der Planungsphase ein konsistentes Fugen- und Feldteilungskonzept entwickelt wird, das sowohl die Normen als auch das real zu erwartende Verformungsverhalten berücksichtigt.

Bewegungsfugen als planerische Aufgabe

Die Dimensionierung und Anordnung von Bewegungsfugen ist ihrem Charakter nach eine Planungsleistung. Das Regelwerk kann hierfür nur Leitplanken geben. Die konkrete Festlegung gehört in die Hände derjenigen, die den Oberbau konzipieren – in der Regel Planerinnen und Planer, unterstützt durch Fachunternehmer und gegebenenfalls Hersteller von Systemaufbauten.

Fehlen in der Ausschreibung klare Vorgaben zu Lage, Breite und Ausbildung von Bewegungsfugen, stehen ausführende GaLaBau-Betriebe vor einem Dilemma. Sie tragen Verantwortung für die Dauerhaftigkeit der Fläche, sollen aber innerhalb eines gestalterischen Korsetts arbeiten, das bauphysikalisch nicht immer tragfähig ist. Bedenkenanzeigen (etwa nach § 4 Abs. 3 VOB/B) sind in solchen Fällen kein „lästiges Beiwerk“, sondern ein notwendiges Instrument, um das Spannungsfeld zwischen Wunschbild und Materialrealität transparent zu machen.

Umgekehrt profitieren Betriebe, die das Thema offensiv ansprechen. Wer frühzeitig Alternativen aufzeigt – etwa angepasste Feldgrößen, zusätzliche Bewegungsfugen oder eine modifizierte Plattengeometrie – positioniert sich als fachkompetenter Partner. Das reduziert Konflikte im Schadensfall und schafft Vertrauen bei Auftraggebern.

Praxisnah denken: Was hilft auf der Baustelle?

Für die tägliche Arbeit lassen sich einige Grundsätze ableiten, die unabhängig von Objektgröße und Materialwahl gelten:

  • Bewegungsfugen konsequent entlang aufgehender Bauteile, Materialwechseln, Untergrundsprüngen und Einbauten vorsehen – und zwar durchgängig in allen gebundenen Schichten.
  • Plattenfelder so zuschneiden, dass Längen-Breiten-Verhältnisse von etwa 2:1 nicht wesentlich überschritten werden und die rechnerisch zulässigen Feldlängen aus der thermischen Beanspruchung eingehalten werden können.
  • Fugenbreiten im Rahmen der Normen so wählen, dass das Bewegungsvermögen der Fugenstoffe auch tatsächlich genutzt werden kann – sehr schmale Fugen sind hier kontraproduktiv.
  • Fugen- und Bewegungsfugenplanung bewusst mit Farbe, Oberflächentemperatur und Exposition der Beläge verknüpfen – dunkle, stark besonnte Flächen benötigen mehr Aufmerksamkeit als helle, schattige Bereiche.

Diese Punkte ersetzen keine detaillierte Bemessung, bieten aber einen robusten Einstieg, um kritische Fehler von vornherein zu vermeiden.

Größere Formate, höhere Temperaturen

Die Entwicklung geht klar in Richtung größerer Formate, dunkler Oberflächen und hoch beanspruchter Außenräume. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass Extremtemperaturen und längere Hitzeperioden zunehmen werden. Was heute als „gerade noch tolerierbar“ erscheint, kann unter zukünftigen Klimabedingungen zu einem deutlichen Anstieg von Schäden führen.

Umso wichtiger ist es, dass Planerinnen, Ausführende und Hersteller das Thema Bewegungsfugen nicht nur als Detail am Rand, sondern als integralen Bestandteil der Konstruktion verstehen. Nur dann lassen sich anspruchsvolle Gestaltungsziele mit der Realität von Material und Bauphysik dauerhaft in Einklang bringen.

Autor:in
Jörn Dahnke
ist ö.b.u.v. Sachverständiger der Handwerkskammer Köln und 1. Vorsitzender des Vereins Qualitätssicherung Pflasterbauarbeiten sowie Vorstand im Sachverständigenkreis euroFEN. Außerde, arbeitet Dahnke als Technischer Leiter bei der GftK in Rheinbach. Kontakt:   joerndahnke@hotmail.de  
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