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Hausrasen

Gräser im Klimastress

Der Klimawandel macht den Rasengräsern in unseren Hausgärten zu schaffen. Wissenschaftler und Industrie forschen an Arten und Mischungen, die den veränderten Bedingungen standhalten.

von Prof. Martin Bocksch erschienen am 30.03.2026
Schaden durch Trockenheit an einem Gartenrasen © Prof. Martin Bocksch
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Die Rasengräser, die unsere Rasenflächen bilden – in erster Linie das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne), die Wiesenrispe (Poa pratensis) und der Rotschwingel (Festuca rubra spp.) – brauchen viel Licht. Nur dann bestocken sie sich artgerecht und bilden dichte, regenerative und funktionierende Rasennarben. Gärten werden immer kleiner – in Wohngebieten nimmt oft ein Haus dem anderen die Sonne weg. Ohne direktes Sonnenlicht werden Rasenflächen lückig, die Narbe dünn und locker, die Einzelpflanzen bilden keine Seitentriebe, sondern versuchen mit dem Haupttrieb rasch nach oben dem Licht entgegenzuwachsen. Diesen Versuchen machen wir mit dem Mäher ein Ende.

Entdeckung Lägerrispe

Doch es gibt Ausnahmen. Eine solche Entdeckung ist die Grasart Lägerrispe (Poa supina). Die Lägerrispe ist eine Grasart der alpinen und subalpinen Hochlagen. Sie bedeckt selten weite Flächen, sondern ist eher begrenzt auf sehr spezielle Areale – die Viehlägerplätze, woher auch ihr Name kommt. Durch den starken Betritt des Alm- und Weideviehs ist der Boden verdichtet. Dadurch vernässen diese Flächen oberflächlich. Der Boden wird weich und umso mehr zertreten. Während das Vieh dort steht, wird der Boden durch Exkremente mit Nährstoffen angereichert.

Die Lägerristpe bildet wenig Wurzeln und verbreitet sich sowohl über Samen als auch über Ausläufer.
Die Lägerristpe bildet wenig Wurzeln und verbreitet sich sowohl über Samen als auch über Ausläufer. © Prof. Martin Bocksch

Unter solchen Bedingungen – ein kühler Standort, viel Feuchtigkeit und Nährstoffe – hat sich ein kleines Gras entwickelt. Es bleibt niedrig, bildet wenig Wurzeln und verbreitet sich sowohl generativ über Samen als auch über eine starke Ausläuferbildung – unter- und oberirdisch. Letztere führt zu einem sehr dichten Wuchs, der alle anderen Gräser und Unkräuter verdrängt und auch unter schattigen Bedingungen noch dichte Narben bildet. Die Lägerrispe ist sehr winterhart, aber anfällig gegenüber Trockenheit und Hitze. Im Gegensatz zur nicht unähnlichen Jährigen Rispe (Poa annua) blüht sie nur einmal früh im Jahr mit dunkleren Blütenständen.

Züchtung, Verwendung und Verfügbarkeit

In den 60er Jahren wurde das Potenzial dieser Art als Rasengras erkannt. Da die Ernte jedoch sehr schwierig und das Saatgut teuer ist, wird es nur in Mischungen vermarktet. In der Regel enthalten diese nur wenige Prozente Lägerrispe, aber über die Jahre setzt sich die Art unter geeigneten Bedingungen (viel Stickstoffdünger und viel Feuchtigkeit bei mechanischer Belastung) durch.

Typischer Lägerrispenfleck in einem „normalen“ Gebrauchsrasen
Typischer Lägerrispenfleck in einem „normalen“ Gebrauchsrasen © Prof. Martin Bocksch

Eine weitere Verbreitung erfährt die Art durch den Fertigrasenanbau. Mischungen zur Anzucht des vielfach als „Schattenrasen“ vertriebenen Fertigrasens, „Gebrauchsrasen mit Lägerrispe“ nach TL Fertigrasen, erfreuen sich bei Herstellern und Kunden großer Beliebtheit. Sie enthalten höhere Anteile Lägerrispe, und nach zwei Jahren besteht die Narbe in der Regel zu 100 % aus dieser Art.

Aufgrund des niedrigen und dichten Wuchses sowie ihrer Gesundheit und Unkrautver-drängung findet die Lägerrispe in Gebrauchsrasen Verwendung. Solche Flächen können jederzeit genutzt und auch strapaziert werden. Mit ihrer hellen Farbe kann sie dazu beitragen, Pflanzen der Jährigen Rispe (Poa annua) zu „maskieren“.

Poa supina Pflegetipps
Ein Kontrast – „normaler“ Gebrauchsrasen-Standard links und rechts ein reiner Lägerrispenrasen
Ein Kontrast – „normaler“ Gebrauchsrasen-Standard links und rechts ein reiner Lägerrispenrasen © Prof. Martin Bocksch
  • Die Lägerrispe benötigt 25 – 30 g Rein-Stickstoff m²/Jahr. Ideal sind 5 Gaben: Ende Februar/Anfang März – Mitte April – Mitte/Ende Mai – Ende Juni – Ende August/Anfang September
  • Austrocknung und Hitze verträgt die Lägerrispe schlechter als unsere anderen Rasengräser – sie braucht viel Wasser. Deshalb fühlt sie sich unter schattigen, kühleren Bedingungen wohler als in praller Sonne. Aufgrund ihrer kurzen Wurzeln kommt sie auch mit häufigen kleinen Wassergaben gut zurecht, die normalerweise den Standard-Rasenflächen eher schaden.
  • Schnitthöhe 3 – 4 cm, meist sind 1 – 2 Schnitte/Woche ausreichend. Das weiche Blatt der Lägerrispe kann gut von Mährobotern geschnitten werden. Das anfallende Schnittgut wird von Regenwürmern und Mikroorganismen schnell und sicher abgebaut. Voraussetzung der Boden ist feucht und die Organismen sind an der Oberfläche aktiv.
  • Falls vertikutiert werden muss, sollte das im Frühjahr erfolgen. Etwas 10 Tage vorher den Rasen düngen und darauf achten, dass er eingeregnet ist. Vorsicht, wenn mit Mähern, Striegel oder Vertikutierern weitere Flächen bearbeitet werden. Ausgerissene Lägerrispen-Ausläufer wachsen dort schnell an und bilden runde, helle Flecken in der Narbe, sie sich nur aufwändig wieder entfernen lassen.

Hype um den Rohrschwingel

Sonne, Hitze, Trockenheit – unter diesen Bedingungen bekommen unsere „großen drei“ Rasengräser – das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne), die Wiesenrispe (Poa pratensis) und auch der recht trockenheitsverträgliche Rotschwingel (Festuca rubra spp.) alle ihre Grenzen aufgezeigt. Für Gräser sind Hitze und Trockenheit aber zwei ganz unterschiedliche Dinge (siehe Kasten). Trockenheit vertragen die großen Rasenarten oft wochenlang – der Rohrschwingel kommt damit besonders gut klar.

Der Rohrschwingel (Festuca arundinacea) ist ein grobes, ausdauerndes und robustes, Horste bildendes Obergras der wechselfeuchten Lagen. Mit seinen breiten, groben Blättern – die nicht jedem sofort gefallen – wurde es bisher vor allem in Gebrauchsrasenmischungen und auf Rennbahnen (Pferde und Speedway) verwendet. Wegen seines Wurzelwerks wird er auch als Bodenfestiger eingesetzt.

Aufgrund seiner guten Trockenheitstoleranz beschäftigt sich die Rasengräserzüchtung intensiv mit diesem Gras. Nach dem ersten Extremsommer hierzulande 2003 gab es einen regelrechten Hype um die Art. Die Vermehrung in den USA und in Europa wurde angekurbelt. Jeder hat Mischungen damit auf den Markt gebracht, meist mit amerikanischen, dunklen Sorten. Dabei sind einige Fehler gemacht worden.

Feinblättrige Sorten

Heute erhalten alle Kunden brauchbare und gute Pflegehinweise, damit die Rohrschwingelrasen schön, dicht und langlebig sind. Außerdem sind gute, neue Sorten entstanden, sowohl für die Rasennutzung als auch für den Futterbau. Sie sind feinblättriger, weicher und heller und haben auch in der Qualitätsprüfung des Bundessortenamtes hoheNoten erreicht.

Heute wissen wir, dass Rohrschwingel nur dann schöne, homogene Narben bildet, wenn die Art mit hohen Mischungsanteilen von mindestens 70 % ausgesät wird. Sonst bilden sich gewaltige Einzelhorste und der Obergras-Charakter kommt zutage. Rohrschwingel ist nur dann ausdauernd, wenn er nicht zu tief gemäht und entsprechend seinen Bedürfnissen mit Nährstoffen versorgt wird.

Rohrschwingel als "Ungras"
Rohrschwingel als "Ungras" © Prof. Martin Bocksch

Vorteil Wurzeltiefe

Nun bleibt abzuwarten, ob die tiefreichende Wurzel des Rotschwingels erhalten geblieben ist. Es gibt Hinweise, dass die beiden Parameter „Blattfeinheit“ und „Wurzeltiefgang“ genetisch gekoppelt sind. Allgemein wird dem Rohrschwingel eine Wurzeltiefe bis 1,5 m attestiert. In manchen Infos wird sogar von 2 m gesprochen.

Daraus zieht die Art ihren großen Nutzen. Rohrschwingel verdunstet im Sommer nicht weniger Wasser als beispielsweise Deutsches Weidelgras oder Wiesenrispe. Er ist jedoch mit seinen Wurzeln in der Lage, sich aus tieferen Bodenschichten zu versorgen, die länger feucht sind. Für andere mitteleuropäische Rasengräser sind diese mit maximalen Wurzeltiefen von 50 bis 60 cm absolut unerreichbar. Rohrschwingel hat deshalb seinen festen Platz in Trockenrasenmischungen wie der Regel-Saatgut-Mischung 2.2 Var. 2, aber auch hier nun mit mindestens 70 Gew.-%-Anteil.

Rohrschwingel im Fertigrasenanbau
Rohrschwingel im Fertigrasenanbau © Prof. Martin Bocksch

Gleiches ist ebenfalls im Fertigrasenanbau zu beobachten. Immer mehr Produzenten steigen wieder in den Anbau von „Gebrauchsrasen mit Rohrschwingel“ ein. So erstaunlich es klingt: Obwohl bei der Fertigrasenproduktion die Wurzeln zur Ernte abgeschnitten werden müssen, regenerieren sich diese rasch und erreichen die alte Tiefe wieder – wenn es der Untergrund zulässt. Die Art mag tiefgründige Böden.

Rohrschwingel treibt bereits früh im Jahr aus und ist schnittverträglich. Er zeichnet sich durch einen guten Blattnachwuchs nach dem Schnitt aus, ist aber gegenüber tiefem Schnitt (4 cm und tiefer) empfindlich. Es hat sich gezeigt, dass Rohrschwingel nur bedingt trittfest und strapazierfähig ist. Seine dunkle Winterfarbe erhält sich nur nach einer Stickstoffdüngung im Spätherbst. Die Art ist dankbar für Nährstoffgaben und hat einen etwas höheren Nährstoffbedarf, vergleichbar der Lägerrispe.

Passgenaue Lösungen

Der Rasenmarkt ist, angetrieben vom Klimawandel und rechtlichen Vorgaben zur Bewässerung und zum Pflanzenschutz, in Bewegung. Zudem stellen kleinere, vollschattige Gärten stellen andere Anforderungen als voll besonnte und womöglich noch geneigte Rasenflächen. Mit der Lägerrispe und dem Rohrschwingel, die sowohl als Samenmischungen als auch als Fertigrasen angeboten werden, sind wir weiterhin in der Lage schöne, nutzbare Rasenflächen anzulegen, zu pflegen und zu erhalten und den Kunden passgenaue Lösungen für ihre Rasenansprüche anzubieten.

Hitzeschäden an Gräsern

Für Gräser ist Hitze ein Problem. Ab 42 °C fangen in den Blattzellen erste Eiweiße an zu denaturieren – ähnlich wie bei einem Spiegelei in der heißen Pfanne. Dieser Prozess ist nicht umkehrbar. Im Blatt sind es zunächst einzelne Moleküle, dann hier und da eine Zelle, schließlich sterben ganze Bereiche ab und am Schluss ist die Pflanze tot. Ganze Rasenflächen können so innerhalb weniger Stunden für immer verloren gehen.

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