
Der Psycho in uns
Gewaltfreie Kommunikation mag für viele eine abstrakte Formel sein. In krisenhaften Zeit kann sie über Wohl oder Wehe entscheiden, meint Tjards Wendebourg im aktuellen Kommentar.
von Tjards Wendebourg, Redaktion DEGA GALABAU erschienen am 12.02.2026Darf man seine Mitarbeiterin anschreien? Nein, darf man nicht. Und viel wichtiger als die Frage, ob man es darf oder nicht, ist jene, ob es jemals richtig war, dem Unmut, dem Frust, der Hilflosigkeit und der Unfähigkeit, Kritik anders zu formulieren, auf diese Art Ausdruck zu verleihen. Auch hier lautet die klare Antwort: „Nein!“ Egal, ob Untergebener oder Untergebene – das Anschreien von Mitarbeitenden ist bei Männern nicht angezeigt und bei Frauen schon gar nicht. In einer Männerbranche, in der an vielen Stellen das Patriarchat noch fröhliche Urstände feiert, haben es Frauen besonders schwer. Wir dürfen nicht erwarten, dass sie sich wegducken oder vermeintlich „gesunde Härte“ ertragen müssen, sondern unsere Aufgabe ist es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das auch empathischen Menschen gerecht wird. Wir brauchen sie dringender denn je, denn mit der Kompetenz des Baggerfahrens alleine werden wir die Branche nicht voranbringen.
Abgesehen von der Frage, ob man in einer Firma arbeiten möchte, in der Schreien Teil der Kommunikation ist und in der man auch selber die Folgen dieser Atmosphäre ertragen muss, hat solches Fehlverhalten noch eine tiefere Dimension: Ein Klima der Angst – und die wird durch Schreien erzeugt – hat noch nie zu nachhaltiger Firmenentwicklung geführt. Sie gefährdet die Identifikation mit dem Unternehmen, verursacht hohe Krankenstände, verhindert Engagement, blockiert Innovation und führt schließlich erst zu innerer Kündigung, bevor sie am Ende auch ausgesprochen wird. Dabei wird eine negative Evolution ausgelöst – die Feingeister gehen zuerst. Übrigbleiben die mit der geringsten Empathie oder der größten Fähigkeit, die Belange der Firma auszublenden.
Vielleicht hat es sich noch nicht herumgesprochen: Wir leben in einer Welt voller Umbrüche. Viele Gewissheiten haben sich aufgelöst. An deren Stelle ist eine weit verbreitete Unsicherheit getreten, die bei Menschen ganz unterschiedliche Reaktionen auslöst. Wenn also die Umgebung unsicher wird, werden das Zuhause und der Arbeitsplatz um so wichtiger. Was bedeutet das dann für Mitarbeitende – gerade für solche, bei denen es auch zuhause nicht rundläuft – wenn am Arbeitsplatz die Gewalt – und Schreien ist verbale Gewalt – regiert? Wir müssen uns nicht wundern, das psychische Erkrankungen zunehmen und parallel Arbeitsfähigkeit und Arbeitsbereitschaft abnehmen. Da kann der Kanzler Stammtisch-Weisheiten raushauen, wie er will.
Man kann das Ganze ja auch umgekehrt betrachten: Je unsicherer die Zeit, desto attraktiver ist empathische Unternehmensführung. Firmen, die ihren Mitarbeitenden das Gefühl vermitteln, Teil einer Familie (oder zumindest gut aufgehoben) zu sein, haben einen eindeutigen Alleinstellungsmerkmal gegenüber solchen, in denen die Menschen nur verfügbare Arbeitsmittel sind. Und wer sein Team als Familie führt, bekommt zwar mehr Probleme auf den Tisch, wird dafür aber mit Treue und der Gewissheit belohnt, abends mit einem guten Gefühl nach Hause gehen zu können. Es könnte alles so einfach sein (wenn die Choleriker nicht wären).




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