Das haben wir schon immer so gemacht!
- Veröffentlicht am
Es ist die diplomatische Übersetzung von LMAA und heißt so viel wie „Nerv mich nicht mit deinen Ideen, ich will meinen Alltag ohne Veränderungen weiterleben können.“ Besonders doof ist das in Zeiten, in denen eigentlich jeder weiß, dass es Veränderungen braucht – auch, wenn die Wahlkämpfe der letzten Monate belegen, dass es sehr viele nicht wahrhaben wollen.
Als Branche ist fehlende Bereitschaft, sich zu verändern, noch fataler. Ich will nicht mit Korbflechtern, Schriftsetzern und Fassbindern kommen – aber Fakt ist: Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, muss auch jeder Berufszweig schauen, wo er bleibt. Und dass sie sich gerade ändern, ist keine Frage: Die Verfügbarkeit von Arbeitskraft hat sich verschlechtert und auch auf der Nachfrageseite könnte es zu größeren Verschiebungen kommen. Einfach weiterzumachen, wird für viele keine Option sein.
In der aktuellen Ausgabe haben wir dafür ein schönes Beispiel: Weshalb kann ein Betrieb in einem relativ fest gefügten Markt, wie dem in Berlin, plötzlich extrem stark wachsen? Die Antwort lautet vereinfacht so: Indem er die immer wieder rezitierten Gewissheiten in Frage stellt und unkonventionelle Wege geht – sowohl bei der Personalakquise als auch bei den Aufträgen.
Ich war in der Vergangenheit immer mal wieder auf Mitgliederversammlungen in Berlin und Brandenburg und erinnere mich noch sehr lebhaft daran, dass immer wieder über schlechte Preise am Submissionsmarkt geklagt wurde. Die Frage aber, wer denn diese Preise macht und weshalb man zu diesen Konditionen mitbietet, hat sich mir nie so recht erschlossen. Ein Teil der Wahrheit ist wohl, dass sich viele Betriebe in bestimmten Segmenten und Gewissheiten bewegen, während in anderen Segmenten viel weniger Konkurrenzdruck herrscht und deshalb dort viel bessere Preise zu erzielen sind. Dass das Thema Gebäudebegrünung dabei unter Wert gehandelt wird – nicht nur in Berlin, aber gerade dort – gehört wohl auch zur Wahrheit.
Thomas Klaus-Bartsch, der Unternehmer aus unserem Porträt, wird noch beweisen müssen, dass sein Konzept auch langfristig trägt, und er nimmt auch nicht für sich in Anspruch, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wozu er aber auf jeden Fall ermutigt, ist, sich einerseits auf alte Unternehmertugenden zu besinnen – wozu auch die Risikobereitschaft gehört – und andererseits den Markt genau zu betrachten und dann für alle Lösungen offen zu sein, ihn entsprechend zu bearbeiten; nach Nischen zu suchen, Marktteilnehmer zielgruppengerecht zu bearbeiten und Handlungsabläufe zu optimieren.
Wer aber nicht bereit ist, sich von „Das haben wir schon immer so gemacht!“ zu trennen, darf sich nicht beschweren, wenn es keine Leute, keine Aufträge oder keine Wertschöpfung mehr gibt. Wirtschaft ist ein langer, ruhiger Strom, der davon gespeist wird, dass Menschen Geld für etwas auszugeben bereit sind, was sie zu glauben brauchen. Da sich diese Wünsche beliebig schnell ändern können, müssen auch die Anbieter sich jederzeit ändern können. Oder sie verlieren im schlimmsten Fall ihren Platz am Ufer des Stroms.
Zu diesem Artikel liegen noch keine Kommentare vor.
Artikel kommentierenSchreiben Sie den ersten Kommentar.